| Die Rolle des Dorsches |
|
|
|
| Thursday, 20 May 2010 12:58 |
|
Es ist keine Neuigkeit, dass sich die Dorschbestände in der Ostsee in einem bedenklichen Zustand befinden. Genau wie andere wirtschaftlich bedeutende Fischbestände auf der Welt hat sich auch die Menge der Dorsche in den letzten Jahrzehnten empfindlich verringert.
Neue Forschungsergebnisse bestätigen eine lange vermutete und diskutierte Korrelation: Die intensive Fischerei hat signifikant negative Auswirkungen auf die maritime Umwelt der Ostsee. Die gesunkenen Dorschbestände in der Ostsee haben entscheidenden Einfluss auf den rapiden Anstieg an Algenaufkommen. Hingegen würden große Dorschbestände zu weniger Algen in der Ostsee und saubererem Wasser führen. Auf Initiative der Umweltstiftung Baltic Sea 2020 hin haben sich 16 renommierte Wissenschaftler aus verschiedenen Ostseeanrainerstaaten getroffen. Während des Treffens tauschten sich die Experten über den aktuellsten Stand der Wissenschaft bezüglich der Umwelt in der Ostsee-Region aus.
Die Gruppe (bestehend aus Fischereiökologen sowie Experten für Eutrophierung, Klima und andere Aspekten des Ökosystems) stimmt darin überein, dass eine sensible, an das Ökosystem angepasste Fischereipolitik zu einem besseren Zustand des Ökosystem Ostsee beitragen kann. Insbesondere negative Effekte der Eutrophierung können so eingedämmt werden. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass es höchste Zeit ist, gesunde Fischbestände als integralen Teil der Umweltpolitik zu behandeln und Fischereipolitik weniger im Lichte wirtschaftlicher Interessen zu betrachten. Das steigende Verständnis, Fischerei als einen Aspekt der Umweltpolitik verstehen zu müssen, muss sich zukünftig auch in politischen Initiativen widerspiegeln.
Dorsch ist heute der ökonomisch wertvollste Fisch in der Ostsee und die kommerzielle Fischerei ist abhängig von gesunden Fischbeständen. Als dominierender Raubfisch an der Spitze der Nahrungskette spielt der Dorsch aber auch für das Ökosystem der Ostsee eine entscheidende Rolle. Trotzdem hat sich die Fischereipolitik zulange an kurzfristigen Interessen orientiert. Fischer haben sich dabei stets für größtmögliche Fangquoten ausgesprochen, was jedoch stets zulasten nachhaltiger Fischerei ging. Dieses Dokument gibt die von den Wissenschaftlern verfassten Schlussfolgerungen bezüglich notwendiger Maßnahmen zum Schutz des Ökosystems Ostsee wieder. Ausgangspunkt ist hierbei die gewichtige Rolle des Dorsches für die ganze maritime Umwelt der Ostsee.
Der Ostsee-Dorsch aus Sicht des ÖkosystemsDie Ostsee ist ein produktives Gewässer. Als die Dorschfänge in den 1980ern ihren Höhepunkt erreichten, kamen 22 Prozent der globalen Dorschfänge aus der kleinen Ostsee. Heute sind die Fänge bereits deutlich niedriger. Doch noch immer wirken sich menschliche Einflüsse in der Ostsee erhebliche auf die Dorsch-Bestände aus, sowohl bei der Fortpflanzung als auch im täglichen Überlebenskampf mit der Fischerei.
Die Bedeutung der Fischerei für die DorschbeständeFischereiquoten und andere Fischereibestimmungen für die Ostsee werden, basierend auf der wissenschaftlichen Empfehlung des Internationalen Rates für Meeresforschung ICES (International Council for the Exploration of the Sea), von der EU festgelegt. HELCOM, die internationale Kommission, die zum Schutze der maritimen Umwelt in der Ostsee geschaffen wurde, hat hingegen keine Kompetenzen bezüglich Fischereifragen. Das ist bedauernswert.
ICES koordiniert die Fischereiforschung und fungiert als Berater für die Fischereipolitik bezüglich der verschiedenen Fischbestände. Der ICES legt die Untergrenze der Menge an fortpflanzungsfähigen Fischen fest, die die Bestände vor einem Kollaps schützen (zurzeit 160.000 Tonnen für den östlichen Bestand). Die Empfehlungen des ICES wurden über Jahre hinweg ignoriert und stattdessen höhere Quoten beschlossen. Seit den 1990ern befindet sich der östliche Bestand fortlaufend unterhalb der kritischen Grenze. Das Risiko eines Kollapses ist nach wie vor erheblich. Trotz des äußerst kritischen Zustands werden etwa 60 Prozent des gesamten fortpflanzungsfähigen Bestandes abgefischt – Jahr für Jahr.
Noch gibt es Hoffnung für den östlichen Bestand. Es wird davon ausgegangen, dass geringere Fangmengen relativ schnell zu einer Erholung der Bestände führen würden. Berechnungen zeigen, dass eine nachhaltige Dorschfangpolitik zwischen 1983 und 2007 zu signifikant höheren Fängen und damit auch höheren Profiten geführt hätte (1-2 Milliarden SEK/100-200 Millionen Euro). Bedauerlicherweise war dies nicht die politische Realität. Bis vor zwei Jahren hat der EU-Ministerrat, der die Höhe der Quoten festlegt, die ICES-Empfehlungen immer weit überschritten. Ein Grund dafür dürfte gewesen sein, dass der Ministerrat sozialen und wirtschaftlichen Aspekten eine große Beachtung geschenkt hat.
Es muss jetzt gehandelt werden, damit sich die Situation bessertIn den letzten Jahren ist immer klarer geworden, dass Fischerei nicht getrennt von anderen Umweltaspekten betrachtet werden kann. Heute herrscht ein weitestgehender Konsens darüber, dass ein erfolgreicher Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Ostsee nur über einen nachhaltigen Ansatz funktionieren kann, der alle Aspekte des Ökosystems in seiner Ganzheit betrachtet. In einer Reihe wissenschaftlicher Studien konnte nachgewiesen werden, dass die Eutrophierung einen direkten Einfluss auf die Fischbestände hat. Neuere Studien zeigen aber auch, dass sich eine Reduktion der Dorschfänge auf die Effekte der Eutrophierung auswirken kann.
Die Position von Baltic Sea 2020Das Treffen der 16 renommierten Wissenschaftler aus der Ostseeregion zeigt, wie ernst die Fragen der Umwelt- und Fischereipolitik hinsichtlich der Ostsee genommen werden müssen. Baltic Sea 2020 ist davon überzeugt, dass die Bedürfnisse eines nachhaltigen und sich selbst tragenden Ökosystems Ostsee die Fischereipolitik bestimmen müssen. Die Zusammenhänge zwischen Fischerei und Umwelt müssen von der Politik anerkannt werden. Diese Erkenntnis muss alsdann in die Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik (GFP) Eingang finden. Es ist essentiell, dass die Fischereipolitik einen Ansatz unterstützt, der das Ökosystem mit all seinen Komponenten als ein Ganzes betrachtet.
Die Schlussfolgerungen von Baltic Sea 2020 sind konkret: Erst ein geringerer Fischereidruck wird (trotz der bereits wachsenden Zahl an Dorschen) zu einer nachhaltigen Fischerei mit langfristig deutlich höheren Fangquoten führen. Durch weniger Algenbildung und damit sauberem Wasser wird sich dies zusätzlich positiv auf die maritime Umwelt auswirken.
Es ist die Überzeugung von Baltic Sea 2020, dass Fangreduzierungen von Ostsee-Dorsch mittelfristig auch die kosteneffektivste Maßnahme gegen die negativen Effekte der Eutrophierung sind. Zum Schutz der Bestände muss der Management Plan gerade für den östlichen Ostseedorsch strikt und langfristig eingehalten werden. Erst so können die nachgelagerten Effekte in der Nahrungskette kontrolliert werden.
|




